Captain Narrowbelt und das Schiff in der Flasche
Es gab in Port Narrow Menschen, die jeder kannte, obwohl kaum jemand wirklich etwas über sie wusste. Einer von ihnen war Jeremiah Crow, ein alter Seemann, der in einem kleinen Haus am Rand des Hafens lebte und seine Tage damit verbrachte, Buddelschiffe zu bauen. Seine Werkstatt war für den jungen Narrowbelt und dessen Schwester ein besonderer Ort.
Zwischen Holzspänen, alten Seekarten, Messern, Tauwerk und unzähligen kleinen Schiffen konnten sie stundenlang sitzen und Jeremiah bei der Arbeit zusehen, während seine Frau Mara aus der Küche dafür sorgte, dass niemand hungrig blieb.
[Lesezeit: ca. 20 Minuten]

Besonders beliebt waren ihre dunklen Pflaumentaler: kräftige, eingekochte Pflaume, etwas Mandel und eine dünne Schicht herber Schokolade. Mara erlaubte jedem Kind zwei Stück, woran Narrowbelt sich ungefähr so lange hielt, wie sie im Raum war. Jeremiah bemerkte es, sagte aber nichts und schob die Dose manchmal sogar ein wenig näher an die Tischkante. Dieses Haus war für Narrowbelt ein Ort jener stillen Geborgenheit, deren Bedeutung man erst erkennt, wenn man längst erwachsen geworden ist.
Über Jeremiahs Vergangenheit wurde im Hafen viel erzählt. Einige nannten ihn einen ehemaligen Händler, andere einen Navigator, wieder andere behaupteten, er sei früher Freibeuter oder sogar Pirat gewesen. Wenn Narrowbelt ihn direkt danach fragte, wich der alte Mann aus. „Pirat ist meistens das Wort, das der benutzt, dessen Ladung gerade verschwunden ist“, hatte er einmal gesagt. Sicher war nur, dass Jeremiah weit herumgekommen war. Über seiner Werkbank hing eine alte Karte der Karibik, auf der Jamaica mehrfach markiert war, und in einem verschlossenen Schrank bewahrte er eine kleine Flasche Jamaica Rum auf, die er wie einen Schatz behandelte. Als Narrowbelt ihn fragte, weshalb diese Flasche so besonders sei, hatte Jeremiah lediglich geantwortet: „Weil nicht alles wertvoll ist, nur weil es gut schmeckt.“ Ein anderes Mal erklärte er ihm, manche Männer tränken Rum, um zu vergessen, andere dagegen, um sich zu erinnern. Narrowbelt verstand damals nicht, was er damit meinte.
Unter all den Buddelschiffen in Jeremiahs Werkstatt gab es eines, das niemals verkauft und nicht einmal berührt werden durfte. In einer großen Flasche stand eine schwarze Brigg mit drei Masten und dunkelgrauen Segeln. Am Heck trug sie den Namen Providence. Als Narrowbelt Jeremiah fragte, ob er auf ihr gedient habe, wurde der alte Mann ungewöhnlich ernst und verlangte von ihm, dieses Modell niemals anzufassen. Wenige Tage später verschwand Jeremiah spurlos. Fast gleichzeitig tauchten fremde Männer in Port Narrow auf, die nach ihm und ausgerechnet nach der Providence suchten. Mara wusste offenbar, dass dieser Augenblick irgendwann kommen würde. Sie übergab Narrowbelt das Buddelschiff und schickte ihn durch die Hintertür davon. „Was immer Jeremiah darin versteckt hat“, sagte sie ihm noch, „vertrau nicht dem ersten Mann, der dir erzählt, es sei ein Schatz.“
Narrowbelt fand im Sockel des Modells ein verborgenes Fach. Darin lag kein Gold und keine klassische Schatzkarte, sondern lediglich ein schmaler Streifen Pergament mit drei Worten und einigen Koordinaten: Jamaica. Pflaume. Kakao. Zunächst ergab das keinen Sinn. Erst als Mara ihm erzählte, dass das ursprüngliche Rezept ihrer Pflaumentaler von Jeremiah stammte und dass die kleine Flasche Jamaica Rum ihn bereits begleitet hatte, bevor die beiden sich kennenlernten, ahnte Narrowbelt, dass diese drei Begriffe Erinnerungen sein mussten. Der Kartenmacher Silas Finch konnte die Koordinaten schließlich einem fast vergessenen Ort zuordnen: Saint Marrow, einem ehemaligen Handelsposten auf einer kleinen Insel südwestlich von Jamaica, der seit Jahrzehnten auf keiner gewöhnlichen Karte mehr verzeichnet war. Dort hatte vor etwa fünfunddreißig Jahren die Spur der Providence geendet.
Mit einigen vertrauten Männern verließ Narrowbelt heimlich Port Narrow. Die Reise führte sie weit abseits der bekannten Handelsrouten, bis Saint Marrow schließlich vor ihnen lag: eine überwucherte Insel mit verfallenen Lagerhäusern, einem zerbrochenen Anleger und den Resten eines Hafens, den die Natur längst zurückerobert hatte. Im alten Kontor fanden sie hinter einer Wand mehrere in gewachstes Tuch eingeschlagene Bücher. Eines davon war das Logbuch der Providence. Jeremiah hatte es geführt. Damit wurde aus den Gerüchten über den alten Mann plötzlich Gewissheit: Er war tatsächlich Teil einer Freibeutermannschaft gewesen. Jahrzehnte zuvor hatte die Providence einen Schmugglerkonvoi verfolgt, dessen wertvollste Fracht angeblich aus Gold, Silber und Waffen bestehen sollte.

Nach einem kurzen Gefecht brachte die Mannschaft eines der Frachtschiffe auf und öffnete voller Erwartungen dessen Laderaum. Die Enttäuschung war gewaltig. Statt Gold fanden sie vor allem Handelswaren: Fässer mit kräftigem Jamaica Rum, Behälter mit einer dunklen Pflaumenspirituose, getrocknete Pflaumen und Kisten mit Kakao. Jeremiah hatte sogar notiert, einer der Männer habe gefragt, ob man das Schiff nicht zurückgeben könne.

Da sowohl die Providence als auch ein Teil der erbeuteten Ladung beschädigt waren, lief die Mannschaft Saint Marrow an. Mehrere Rumfässer waren undicht, ein Behälter mit Pflaumenspirituose war zerbrochen und auch ein Teil der Kakaomasse ließ sich nicht mehr verkaufen. Der Schiffskoch Amos Bell weigerte sich jedoch, brauchbare Vorräte wegzuwerfen. Er erwärmte Pflaumen und Pflaumenspirituose zu einer dunklen Masse, gab etwas von dem herben Kakao hinzu und griff schließlich zu dem beschädigten Jamaica Rum. Eine Kelle wurde zu zwei, vielleicht zu drei, und wie viel am Ende tatsächlich in den Topf gelangte, konnte später niemand mehr mit Sicherheit sagen. Amos selbst sprach stets nur von einem „ordentlichen Schuss“, während andere Männer behaupteten, er habe den Topf direkt unter das auslaufende Rumfass gestellt.
Was dabei entstand, ließ sich schwer benennen. Es war zu kräftig für einen Punsch, zu flüssig für eine Nachspeise und entsprach keinem bekannten Rezept. Doch es schmeckte erstaunlich gut. Der Jamaica Rum gab Kraft und Wärme, die dunkle Pflaume machte ihn weich und fruchtig, während der herbe Kakao im Hintergrund für Tiefe sorgte. Vor allem aber verbarg die Pflaume die Stärke des Rums besser, als irgendjemand erwartet hatte. Der erste Becher schmeckte interessant, der zweite noch besser, und beim dritten interessierte niemanden mehr, wie das Getränk eigentlich genannt werden sollte. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Harlan Pike, der sonst so wortkarge Bootsmann, saß plötzlich auf einem Rumfass und sang alte Seemannslieder, während der Kanonier Tobias Reed dem Schiffskater Bartholomew mit großem Ernst die Regeln eines Kartenspiels erklärte und ihn wenig später des Betrugs beschuldigte. Selbst der Captain der Providence konnte seine strenge Miene irgendwann nicht mehr aufrechterhalten. Als Jeremiah schließlich entdeckte, wie viel Rum Amos tatsächlich verbraucht hatte, fragte er ihn, wie viel davon in seinem Topf gelandet sei. Amos betrachtete den beinahe leeren Auffangbottich und antwortete nur: „Offenbar genug.“
Jeremiah beschrieb diesen Abend viele Jahre später mit einer Wärme, die Narrowbelt beim Lesen stärker berührte als jede Schlacht. Die Männer saßen zusammen, sangen, erzählten Geschichten und lachten über Dinge, die am nächsten Morgen vermutlich niemand mehr besonders lustig gefunden hätte. Niemand dachte an Gold oder Beute. Für ein paar Stunden war die Providence nicht das Schiff einer zusammengewürfelten Mannschaft aus Freibeutern, Schmugglern und Männern mit zweifelhafter Vergangenheit. Sie war ihr Zuhause. Am Ende dieses Eintrags hatte Jeremiah einen Satz notiert: „Wir wussten nicht, dass dies der letzte Abend sein würde, an dem wir noch alle zusammen waren.“

Am folgenden Tag erschienen drei bewaffnete Schiffe vor Saint Marrow. Offenbar waren die Männer der Providence verfolgt worden. Die beschädigte Brigg versuchte aus der Bucht zu entkommen, wurde jedoch in einen schweren Kampf verwickelt. Der Großmast brach, Treffer rissen Löcher in den Rumpf, und schließlich drang so viel Wasser ein, dass das Schiff nicht mehr zu retten war. Harlan Pike blieb zurück, um das letzte Beiboot freizubekommen. Tobias Reed ebenfalls. Auch der Captain verließ sein Schiff nicht mehr. Jeremiah und einige andere konnten sich retten und mussten vom Boot aus zusehen, wie die Providence, die jahrelang ihr Zuhause gewesen war, im Meer versank. Jeremiah schrieb später, dass er sich an den Lärm des Gefechts nur undeutlich erinnere, sehr genau jedoch an die Stille danach. An Amos Bell, der blutverschmiert im Beiboot saß. An die Männer, die auf jene Stelle blickten, an der gerade noch ihr Schiff gewesen war. Und an den merkwürdigen Gedanken, dass sie am Abend zuvor noch geglaubt hatten, eine schlechte Beute gemacht zu haben.


Damit verstand Narrowbelt schließlich, weshalb Jamaica, Pflaume und Kakao Jeremiah sein ganzes Leben begleitet hatten. Es ging nie um ein Rezept. Dieser zufällige Geschmack war untrennbar mit dem letzten vollkommen friedlichen Abend seiner alten Mannschaft verbunden. Wenn Jeremiah später Pflaumen oder herben Kakao roch und Jamaica Rum trank, erinnerte er sich nicht zuerst an den Untergang der Providence, sondern an Harlan Pike, der viel zu laut sang, an Tobias Reed und seinen betrügerischen Schiffskater, an Amos Bell vor dem leeren Rumfass und daran, dass an jenem Abend noch kein Platz am gemeinsamen Tisch leer gewesen war.
Jahre später gab Jeremiah Mara deshalb die Erinnerung an Pflaume und herben Kakao weiter, aus der sie ihre Pflaumentaler entwickelte. Auch die alte Flasche Jamaica Rum bewahrte er nicht wegen ihres materiellen Wertes. Sie war seine persönliche Reserve. Er öffnete sie nur zu besonderen Augenblicken: an seinem Hochzeitstag, nach der Geburt seiner Tochter und an dem Abend, an dem er endgültig beschloss, nie wieder zur See zu fahren.
Jeremiah hatte schließlich auch das Buddelschiff der Providence nicht gebaut, weil er stolz auf seine Vergangenheit war, sondern weil er Angst hatte, sie zu vergessen. Gesichter verblassen, Stimmen verschwinden, und selbst Menschen, die einem einmal alles bedeutet haben, werden irgendwann zu einzelnen Bildern im Kopf. Deshalb hatte er die Providence noch einmal erschaffen, Mast für Mast, Tau für Tau und Planke für Planke. In ihrem Sockel verbarg er die Koordinaten von Saint Marrow und jene drei Worte, mit denen nur jemand etwas anfangen konnte, der ihn wirklich kannte. In seinem Logbuch hatte er dazu geschrieben: „Ein Schatz ist nicht immer etwas, das man bergen kann. Manche Schätze bestehen aus einem Tisch, an dem alle Plätze noch besetzt waren, aus einem Lied, das jemand viel zu laut sang, und aus einem Geschmack, von dem damals keiner wusste, dass man ihn eines Tages vermissen würde.“
Narrowbelt fand Jeremiah schließlich selbst in einem alten Versteck oberhalb der Bucht. Der alte Mann war vor Calder Vane geflohen, jenem Mann, der hinter der Providence her war und seit Jahren glaubte, auf Saint Marrow liege ein gewaltiger Schatz verborgen. Jeremiah hatte versucht, ihn davon zu überzeugen, dass dieser Schatz niemals existiert hatte. Doch Vane war nicht bereit, sein Lebenswerk für eine so einfache Wahrheit aufzugeben. Deshalb war Jeremiah verschwunden und hatte Narrowbelt bewusst auf seine Spur gesetzt. Als Narrowbelt ihm vorwarf, er hätte ihm all das auch einfach erzählen können, antwortete Jeremiah: „Dann hättest du meine Geschichte gekannt. Jetzt kennst du deine eigene.“
Erst da verstand Narrowbelt vollständig, was Jeremiah ihm seit seiner Kindheit hatte zeigen wollen. Die großen Ereignisse eines Lebens waren nicht immer jene, die später in Liedern besungen wurden. Oft waren es die kleinen Augenblicke dazwischen: ein gemeinsames Essen, ein Lachen, ein vertrauter Geruch oder ein Geschmack, dessen Bedeutung man erst begreift, wenn die Menschen, mit denen man ihn teilte, längst nicht mehr da sind. Jeremiah hatte Narrowbelt seine Vergangenheit nicht hinterlassen, damit dieser Gold fand. Er hatte sie ihm anvertraut, damit seine Freunde nicht vollständig verschwanden.

Viele Jahre später war aus dem neugierigen Jungen längst Captain Narrowbelt geworden. Er hatte selbst unzählige Reisen erlebt, Freunde gewonnen und verloren und inzwischen verstanden, weshalb Jeremiah so sehr an seinen Erinnerungen gehangen hatte. Eines Abends erzählte er Lorien die ganze Geschichte. Er sprach von der Werkstatt, den Buddelschiffen, Mara und den dunklen Pflaumentalern, von Saint Marrow, Amos Bells Missgeschick und der letzten friedlichen Nacht der Providence.
Als Narrowbelt geendet hatte, fragte Lorien: „Du möchtest also, dass ich diese alte Mischung nachbaue?“
Narrowbelt schüttelte den Kopf.
„Nein. Amos Bells Mischung gibt es nicht mehr. Niemand kennt die Mengen, und selbst wenn wir sie kennen würden, wäre es nur ein Getränk.“
Lorien sah ihn an. „Was willst du dann?“
Narrowbelt dachte lange nach. Vor seinem inneren Auge sah er Jeremiahs Werkstatt, Mara in der Küche, seine Schwester neben sich und die kleine schwarze Providence im Regal.
„Ich will nicht den Geschmack zurück“, sagte er schließlich. „Ich will den Augenblick.“
Lorien begann zu arbeiten. Nicht an einer Kopie des alten Getränks und auch nicht an einer flüssigen Version von Maras Pflaumentalern. Er versuchte, den Charakter dieser Erinnerung einzufangen. Das Fundament wurde ein kräftiger Jamaica Rum, eigenständig und warm. Hinzu kam dunkle, reife Pflaume, weich und voll, ohne den Rum zu verdrängen. Die Zartbitterschokolade blieb bewusst im Hintergrund, gerade deutlich genug, um der Spirituose jene herbe Tiefe zu geben, die Narrowbelt suchte.
Viele Versuche entstanden. Manche waren zu süß, andere zu schwer, bei einigen verschwand der Rum hinter der Pflaume und bei anderen trat die Schokolade zu deutlich hervor. Dann nahm Narrowbelt eines Abends einen Schluck aus einem neuen Glas und schwieg.
Für einen kurzen Augenblick war er wieder dort.
Er hörte das Schaben von Jeremiahs Messer über Holz. Mara war in der Küche. Seine Schwester saß neben ihm. Auf dem Tisch stand die Blechdose mit den Pflaumentalern, und auf dem Regal wartete die Providence.
Lorien fragte leise: „Das ist es?“
Narrowbelt stellte das Glas ab.
„Ja.“
„Und wie nennen wir sie?“
Narrowbelt dachte an Jeremiahs alte Flasche Jamaica Rum und daran, wie der alte Mann sie nur geöffnet hatte, wenn ein Augenblick bedeutend genug war.
„Reserve“, sagte er.
„Wessen Reserve?“
Narrowbelt lächelte.
„Die des Captains.“
So entstand der Captain’s Reserve.
Nicht, weil er jahrelang in einer vergessenen Schatzkammer gelegen hätte. Nicht, weil sein Wert aus einem alten Fass oder einer besonderen Zahl auf einem Etikett entstand.
Er heißt Captain’s Reserve, weil jeder Mensch eine solche Reserve besitzt: Erinnerungen an Menschen, die ihn geprägt haben, an Orte, an denen er glücklich war, ohne es damals zu bemerken, an gemeinsames Essen, an Lachen und an jene unscheinbaren Augenblicke, deren wirklichen Wert man manchmal erst viele Jahre später erkennt.
Man kann diese Reserve nicht kaufen und niemand kann sie stehlen.
Denn Jeremiah Crow hatte von Anfang an recht:
Die wertvollsten Schätze sind nicht diejenigen, die ein Mensch mitnimmt. Es sind diejenigen, die in ihm bleiben.
Und manchmal genügt ein einziger Schluck, um sie wiederzufinden.





